DIE ERSTE APRILWOCHE IN MÜNCHEN: 100. Prozesstag und Geschichten aus dem Umfeld

Die erste Aprilwoche beginnt im Münchner Gerichtssaal A 101 mit dem 100. Prozesstag. Als Richter Götzl alle Beteiligten zu diesem Jubiläum begrüßt, ist auch die Presse zahlreich vertreten, um die Spezialseiten zu diesem Thema zu füllen. Dabei soll der Zeuge Bode zunächst lediglich einen Themenkomplex einordnen und der Zeuge Thomas R. sich jedes einzelne Wort durch Anstrengung der Richters abringen lassen, ein weniger wesentlicher Tag also.

Thüringer Verhältnisse

Reiner Bode war der zweite V-Mannführer, der das Verhältnis des Verfassungsschutz zu dem von ihm geführten Tino Brandt einordnen sollte, bevor dieser aussagt. Was folgt, sind die üblichen, schon aus den Untersuchungsausschüssen bekannten Possen aus dem Thüringer Verfassungsschutz. Bode führte Tino Brandt als V-Mann zwischen 1994 und 1998, bis er ihn an Norbert Wiesner abgab. Entgegen den eigenen Richtlinien wurde hier eine Führungsfigur in der Thüringer Neonaziszene als Informant bezahlt, den Bode demnach auch als Nazi mit Haut und Haar einschätzt, der 24 Stunden am Tag, abzüglich der Schlafenszeit, in seine Neonazi-Tätigkeiten steckte. Daher beschreibt er die Führung als relativ schwierig, Brandt musste sehr stark kontrolliert, sehr eng geführt werden. Zu den zweifelhaften Erziehungsmaßnahmen, die Bode immer noch in verteidigendem Ton vorstellt, gehörte, Brandt an Tagen wichtiger Treffen seines Thüringer Heimatschutzes zu Treffen mit ihm, dem Verfassungsschützer zu überreden.
Als Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Anfang 1998 abtauchten, wurde Tino Brandt in die Suche eingebunden. In der Hoffnung, die Drei würden auf das Fahrzeug zurückgreifen, sollte er ein mit Peilsendern ausgestattetes Auto einem Unterstützer des Trios, André Kapke, unterschieben. War dieser Schritt noch erfolgreich, sollte sich dieser Fahndungsversuch insgesamt als sinnlos erweisen, da ein anderes Fluchtfahrzeug gewählt wurde.

Hamburg ist bei weitem nicht täglich Thema im NSU-Prozess. Trotzdem verbringen die Opfer-VertreterInnen der Hamburger Familie so gut wie jeden Tag in diesem Gerichtssaal und arbeiten an Aufklärung, auch über ihren jeweils eigenen Fall hinaus. Denn ihnen geht es um die Verurteilung der Angeklagten, daher stellen sie Beweisanträge, um deren Schuld nachweisen zu können. So meldet sich an diesem 100. Prozesstag Gül Pinar zu Wort. Sie stellt einen Antrag, dass Fotos vom Rudolf-Heß-Marsch 1996 in Worms zu den Beweisen gereicht werden. Auf ihnen ist nicht nur zu sehen, dass das spätere NSU-Trio anwesend war, sondern auch dass Beate Zschäpe hier selbstbewusst auftrat, sie also fest eingebunden in die rechte Szene war und mitnichten eine Mitläuferin. Genau diesen Umstand gilt es zu beweisen, um zu zeigen, dass sie später auch fester Bestandteil des Naziterrors war und nicht nur dessen Haushaltshilfe. Die Presse und die BesucherInnen sind bei diesem Prozess auf einer Art Balkon zu finden, der sich über dem Sitzbereich der Nebenklage befindet. So ist zwar die Anwältin Pinar bei diesem Beweisantrag nicht zu sehen, umso besser aber die Reaktion der Verteidigung. Nicht zum ersten Mal fällt insbesondere die Verteidigung von Beate Zschäpe als geradezu selbstbewusst-unverschämt auf. Anstatt dem Antrag professionell zuzuhören, kann ihr beim Feixen und Tuscheln zugesehen werden. Zwar ist bekannt, dass es sich bei Heer, Sturm und Stahl nicht um Szene-AnwältInnen handelt, aber ist es nach 100 Prozesstagen nicht denkbar, dass sie sich mit den sie umgebenden AnwältInnen, auf die dies zutrifft verbrüdert haben? In solchen Momenten scheint dies mehr als deutlich.


„Klingeln-Schlafen-Weg“ „Einkaufen-Kochen-Essen“

Der zweite Zeuge Thomas R. wohnt auch aktuell noch in Chemnitz, wo er 1998 auch das NSU-Trio bei sich unterbrachte. Zu den Umständen und Aktivitäten in dieser Zeit äußert er sich denkbar knapp: „Klingeln-Schlafen-Weg“ „Einkaufen-Kochen-Essen“.
Nach und nach presst Richter Götzl durch unendliche Geduld dennoch die interessanten Fakten heraus: Thomas Starke brachte die Drei zu R., wo sie ungefähr drei Wochen wohnten, bevor sie umzogen. Doch auch danach hielt R. zu ihnen Kontakt, angeblich für gemeinsame Fahrradtouren und das Tauschen von DVDs und Computerspielen. R. selbst war bei den „88ern“ eingebunden, einer zu Blood&Honour gehörenden Struktur in Chemnitz. Als sich die Fragen des Richters dieser Verbindung zuwenden, blockt der Befragte ab und entgeht der Drohung von Ordnungsgeld oder Ordnungshaft nur durch die Erwähnung eines gegen ihn gerichteten Verfahrens, das ihn der Aussagepflicht enthebt. Wie sich herausstellt, ist das Blood&Honour-Verfahren gegen ihn wegen Geringfügigkeit eingestellt, aber dies muss schriftlich vorliegen und so muss der Zeuge an einem anderen Tag wiederkommen und der 100. Prozesstag endet.

Wichtiger Tratsch

Von seinem Aussageverweigerungsrecht macht am darauf folgenden Tag auch Thomas Starke Gebrauch. Statt ihm soll nun sein Vernehmungsbeamter zu den Aussagen bei der Polizei darstellen.
Thomas Starke hat dem Trio bei der Flucht geholfen und hatte zuvor auch den Sprengstoff besorgt, der bei der Garagendurchsuchung gefunden wurde. Kurzzeitig war Starke vor dem Untertauchen mit Zschäpe liiert, als er jedoch mit ihr zusammenziehen wollte, endete die Beziehung. Außerdem gab er an, davon genervt gewesen zu sein, dass die ganze Zeit mit den beiden Uwes unterwegs war.
Die Presse stürzt sich auf solche Geschichten, aber sie sind auch für das Gerichtsverfahren wichtig. Denn was wie Klatsch und Tratsch aus der damaligen Neonaziszene klingt, ist für die Anklage möglicherweise zentral, weil hier Zschäpe oft als Einheit mit den beiden Uwes dargestellt wird. Es zeigt, dass sie wirklich zu dem Trio dazugehörte. Dass diese Drei unzertrennlich waren.

Ein weiterer Pflicht-Termin für die Presse in dieser ersten Aprilwoche ist die Aussage von Ilona Mundlos, der Mutter von Uwe Mundlos, am Donnerstag. Wie alle Aussagen der Eltern, ist auch diese von Verdrängung geprägt. Mutter Mundlos spricht von ihrem Sohn, wie von einem fünf Jahre alten lieben Jungen. In ihrer Darstellung war sie für die Pflege des Sohnes Robert zuständig, der Vater kümmerte sich um Uwe Mundlos. Nach mehr als einer Stunde ist zum ersten Mal andeutungsweise die Rede davon, dass Uwe Mundlos Mitglied der rechten Szene war. Eine klare Benennung der Taten ihres Sohnes oder gar eine Entschuldigung gegenüber seiner Opfer ließ sie, im Gegensatz zu den anderen Eltern, während der gesamten Aussage missen.

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